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War daher Helvetius bis dahin bei der Bestimmung stehen geblieben: Geist sey der Complex von Ideen, so hat er itzt die nähere Bestimmung gefunden: Geist ist der Complex neuer, origineller, Ideen. —

1)

Die Frage aber, wie Ideen entstehen, und wie der Geist, der ihr Complex ist, ist noch nicht beantwortet. Die Perceptionsfähigkeit, das Gedächtniss, das Daseyn von Empfindungsorganen gibt nur noch die Möglichkeit der Ideen, wie verwirklicht sich dieselbe? Die Bethätigung nun jener Vermögen hat nach Helvetius ihren Grund in den Leidenschaften. Es ist eine falsche Ansicht, nach welcher die Leidenschaften als etwas Schlechtes verworfen werden, vielmehr sind sie in der moralischen Welt ganz dasselbe was in der himmlischen Welt die Bewegung ist, ohne diese Triebfeder würde alles ruhn, und gar keine Thätigkeit sich zeigen. In dem eigentlichen Mittelpunkte der Leidenschaften wird man deshalb auch die Lösung jener Frage finden. Es werden nun von Helvetius zweierlei Arten von Leidenschaften unterschieden, die einen, unmittelbar von der Natur gegeben, die andern, welche gewisse Verhältnisse voraussetzen. Die er

stern haben einen Zusammenhang mit physischen Bedürfnissen und beruhen auf leiblichen Empfindungen (sensations) (hierher gehört die Begierde nach Nahrung und dgl.), die letzteren stehn mit dem, was Helvetius im Unterschiede von Empfindungen, Gefühle (sentimens) nennt, in Zusammen

hang (z. B. Ehrgeiz u. dgl.). Beide aber, sowol die Empfindungen als die Gefühle, welche Leidenschaften hervorrufen, sind nur dort, wo ein Mangel empfunden wird, und sie gehn nur hervor aus dem Triebe, Lust zu empfinden, oder sich von Schmerzen zu befrein. Dieser Trieb aber ist das, was Helvetius Selbstliebe oder Interesse nennt; wenn nun alle Leidenschaften im Grunde auf der Selbstliebe beruhn, nur durch Leidenschaften aber das wirkliche Entstehen von Ideen möglich ist, so folgt daraus, dass wie in jeder andern Thätigkeit des Geistes, so auch bei dem Bilden von Ideen die Selbstliebe einer der wichtigsten Hebel ist. Ohne Unlust, und den Trieb sich davon zu befrein, gäbe es keine Aufmerksamkeit; ohne diese kein Vergleichen und also ohne Selbstliebe keine Ideen. Da nun alle Selbstliebe im Grunde nur auf leibliche Lust geht, so folgt daraus, dass auch die geistigen Vorgänge in uns zu ihrer eigentlichen Quelle nur das Streben nach sinnlicher Lust haben. Unter den Formen des sinnlichen Unbehagens, welche zum Erkennen und also zum Erlangen von Ideen treiben, tritt eine hervor, welche, obgleich sie ein Schmerz von geringerem Grade zu seyn scheint, doch von der äussersten Wichtigkeit ist für die Ausbildung, und dieses ist die Langeweile. Der Hass gegen dieselbe ist ein hauptsächliches Bildungsmittel des Menschen. 2)

Nachdem nun so gezeigt ist, welche Momente wesentlich sind für das Entstehen dessen, was hier

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als Geist bezeichnet wird, entsteht nun die Frage, woher die Verschiedenheit der Geister! Einige behaupten nun, diese Verschiedenheit sey mit der verschiednen körperlichen Organisation gesetzt; dagegen aber erklärt sich Helvetius; wenn nämlich diese gleich ein bedingendes Moment ist für die Entwicklung des Geistes, so ist doch weder sie noch irgend etwas andres Angebornes das, was hierbei von entscheidender Wichtigkeit wäre. Die feinere Organisation der Sinnesorgane allein kann deswegen nicht den höhern oder geringern Grad des Geistes bedingen, weil die Ideen, deren Complex Geist genannt wird, viel weniger in Bildern der Dinge bestehn, als in Perceptionen ihrer Verhältnisse (s. oben); von dem angebornen Gedächtniss gilt ganz dasselbe; übrigens sind auch in beiden Beziehungen die Unterschiede zwischen den Menschen nicht so gross, als man meint. Zu jenen beiden kommen nun noch, wie oben gezeigt wurde, als ein drittes constituirendes Moment die Leidenschaften, oder was sie im Grunde waren, die Selbstliebe, hinzu. Diese ist nun auch bei allen Menschen gleich stark, und in sofern kann jeder sich zu starken Leidenschaften und also mittelbar dazu erheben, Geist zu haben. Alle diese angebornen Elemente ergeben also durchaus noch gar keine Verschiedenheit unter den Geistern, wären nur sie, so hätten alle gleich viel Geist. Woher kommt nun die Verschiedenheit, die doch nach der Erfahrung da ist? Helvetius antwortet: aus äusseren Umständen. Den ganzen

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Complex von äusseren Umständen bezeichnet er oft mit dem Worte Zufall; einen wesentlichen Bestandtheil dieser äusseren Umstände bildet nun das, was wir Erziehung nennen, und Helvetius erweitert die Bedeutung dieses Wortes so sehr, dass er den Menschen nicht durch Menschen allein, sondern eben so sehr durch, ihn afficirende, Dinge erzogen werden lässt, wo denn die Begriffe Erziehung und Zufall oft ganz zusammenfallen. Es giebt also hier Verschiedenheiten. Es fragt sich nun, welche Regel befolgt wird in der Rangordnung der Geister? Die einzige Norm in der Beurtheilung des Geistes Andrer gibt die Selbstliebe ab; jeder liebt in dem Andern und schätzt in dem Andern nur sich selbst, darum gilt uns der als der Geistreichere, dessen Ideen uns mehr schmeicheln oder mehr nützen. So urtheilt der Einzelne, eben so urtheilt auch jedes grössere Ganze, jede Gesellschaft; auch ihr gilt der als der grössere Geist, dessen Ideen für sie von grösserem Nutzen sind, ein Newton mehr als etwa ein grosser Schachspieler u. s. w. Solche höhere Grade von Geist, die sich namentlich in dem Erfinden neuer Ideen und Combinationen zeigen, nennt man wohl auch Genie, sie werden wohl auch im eminenten Sinne des Worts Geist genannt. Damit ist denn Helvetius zu einer noch näheren Bestimmung dieses Begriffes gekommen, indem er sagt: Geist sey eine Fülle von, nicht nur neuen, sondern auch allgemein interessirenden Ideen. Da nun dieses allgemeine Interesse von zufälligen Umständen ab

hängt, so ist auch das Genie grösstentheils ein Werk des Zufalls. 3)

Dies wäre das Wesentliche von des Helvetius Lehre so weit sie das theoretische Gebiet betrifft. Wenn schon in diesem dem Eigennutz èine so wichtige Rolle zuertheilt wird, dass er als der eigentliche Erzeuger der Ideen erscheint, so geschieht dies noch mehr, wo Helvetius auf das Praktische übergeht. Nach ihm ist die Moral nur deswegen immer mehr in Verfall gerathen, weil sie sich von der empirischen Grundlage losgemacht hat, und ihr einziges Heilmittel kann nur darin bestehn, dass man sie wieder ganz so behandelt wie die Physik. Daher ist zuerst zu untersuchen was es mit solchen Begriffen wie Gut, Tugend, Rechtschaffenheit u. s. w. für eine Bewandniss hat, hinsichtlich derer eine grosse Verwirrung herrscht. Es stehen sich nämlich zwei entgegengesetzte Ansichten gegenüber, die eine lässt diese Begriffe unwandelbare Vernunftprincipien seyn, die andere macht sie zu ganz beliebigen Begriffen, welche gar keiner objectiven Norm unterliegen. Beide haben Unrecht; weder ist das Gute eine ewige Idee, noch auch nur eine beliebige Bestimmung. Sondern wenn wir die Erfahrung fragen, so lehrt sie uns, dass Jeder für gut hält, was ihm nützlich ist. Es kann uns traurig machen, dass die Andern bei der Beurtheilung unsrer Handlungen nur sich und ihren Vortheil berücksichtigen, aber so sehr dies unsere Eitelkeit verletzen mag, das Factum ist nicht abzustreiten. Das eigne Interesse ist der einzige Maass

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