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Damit ist die Schwelle des Krieges erreicht. Das Ausbruchsproblem ist das Verhältnis Rußlands, Serbiens und Oesterreichs 1913/14. Es mündet in die Julikrisis der „dreizehn Tage“ aus. Ein besonderes Kapitel ist der belgischen Neutralität gewidmet, weil mit der Berufung auf deren Schuh England seinen sofortigen Eintritt in den Krieg begründet hat. Der Artikel 231 des Versailler Vertrages, seine Entstehungsgeschichte auf der Friedenskonferenz um seine juristische Auslegung, bildet den Abschluß der Sachkapitel.

Es ist selbstverständlich, daß jeder Mitarbeiter nur für seine eigenen Worte verantwortlich ist. Man mag leicht Abweichungen in der Auffassung einzelner politischer Vorgänge zwischen den Beiträgen feststellen. Das ist sogar der Vorzug des Buches. Es enthält keine schablonenhaften Propagandaartikel, sondern lebendiges wissenschaftliches Bemühen verantwortungsbewußter Männer um die historische Wahrheit. Dabei tritt deutlich hervor, daß alle diese Männer etwas Bestimmtes vereint und zusammenschließt, nämlich die Ueberzeugung von der Unwahrhaftigkeit und Ungerechtigkeit des Urteils, daß der Weltkrieg ein vorbereitetes, bewußt herbeigeführtes Unternehmen Deutschlands und seiner Verbündeten war, und der entschlossene Wille, den uns aufgezwungenen Rechtfertigungskampf_mit allen Kräften vor der Welt aufzunehmen und zu Ende zu führen. Auf dieses gemeinsame Streben kommt es allein an.

Walter Rathena u hat bei einer Veranstaltung des „Arbeitsausschusses deutscher Verbände" anläßlich der Veröffentlichung der ,,Bismarc-Akten" als deutscher Außenminister dies gemeinsame Ziel bahin bestimmt: Unser Suchen und Werben um Wahrheit wird nicht ruhen, bis im Namen der Geschichte ein befugtes Tribunal seinen Spruch gefällt hat."

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So ist und sei auch dieses Buch ein Zeugnis für den Willen des ganzen deutschen Volkes zum Kampf gegen den Schuldspruch von Versailles für die Wiederherstellung seiner Ehre, und ein Rüstzeug in diesem Kampf.

Berlin, im Januar 1923.

Dr. Wilhelm Ziegler.

Die Formulierung der Schuldfrage.

Von Reichsminister a. D. Dr. Dernburg.

In seiner Rede vom 3. März 1921 auf der Londoner UltimatumsKonferenz hat sich Herr Lloyd George über die deutsche Verantwortlichkeit am Krieg wie folgt ausgelassen: „Eine der ernstesten Feststellungen, die er (Dr. Simons) machte, war in einer, wenn ich mich recht erinnere, in Stuttgart gehaltenen Rede enthalten, wo er die deuts sche Verantwortlichkeit für den Krieg zurückwies. Diese Zurückweisung fand in ganz Deutschland Beifall und kann daher als Kennzeichen der wahren Haltung Deutschlands dem Friedensvertrag gegenüber angesehen werden. Für die Alliierten ist die deutsche Verantwortlichkeit für den Krieg grundlegend. Sie ist die Basis, auf der das Gebäude des Vertrages errichtet worden ist, und wenn diese Anerkenntnis verweigert oder aufgegeben wird, ist der Vertrag hinfällig. Die Alliierten fühlen daher, daß sie die Tatsache in Rechnung ziehen müssen, daß die deutsche Regierung mit offenbarer Unterstützung der deutschen öffentlichen Meinung die eigentliche Grundlage des Vertrages von Versailles anficht.“ Im Vertrag von Versailles ist diese Verantwortlichkeit im Artifel 231 wie folgt niedergelegt: „Die alliierten und assoziierten Regierungen erklären, und Deutschland erkennt an, daß Deutschland und seine Verbündeten als Urheber für alle Verluste und Schäden verantwortlich sind, die die alliierten und assoziierten Regierungen und ihre Staatsangehörigen infolge des Krieges, der ihnen durch den Angriff Deutschlands und seiner Verbündeten aufgezwungen wurde, erlitten haben." Die betreffende Stelle lautet in französischer Uebersetzung: „Les Gouvernements alliés et associés declarent et l'Allemagne reconnait que l'Allemagne et ses alliés sont responsables, pour les avoir causés, de toutes les pertes et des tous les dommages subis par les Gouvernements alliés et associés et leurs nationaux en consequence de la guerre, qui leur a été imposée par l'agression de l'Allemagne et de ses alliés". Der Vorwurf wird also Deutschland und seinen Alliierten gemacht, und dementsprechend findet er sich auch in den mit Desterreich und Bulgarien abgeschlossenen Verträgen, ebenso wie in dem nicht zustande gekommenen Vertrag mit der Türkei. Der Text dieser anderen Vertragsbestimmungen weicht nur insofern von dem § 231 ab, als Deutschland für alle Verluste und alle Schäden haftbar gemacht wird, während in den anderen Verträgen nur von den Verlusten und den Schäden gesprochen wird.

Es wurde schon erwähnt, daß innerhalb der uns für Bemerkungen zu dem Friedensvertrag in Versailles eingeräumten kurzen Frist Deutschland gegen die Behauptungen des § 231 protestiert hat, und zwar in der Denkschrift der Herren Professor Hans Delbrück, Professor

Max Weber, Graf Max Montgelas und Professor Albrecht MendelsJohn-Bartholdy vom 27. Mai 1919, welche der Führer der deutschen Friedensdelegation Graf Brockdorff-Rantau am nächsten Tag Herrn Clemenceau mit einer Note übersandt hat. Dieser Protest nennt sich: ,,Bemerkungen zu dem Bericht der Kommission der alliierten und assóziierten Regierungen über die Verantwortlichkeiten der Urheber des Krieges." Der in Bezug genommene Bericht der Kommission der alliierten und assoziierten Regierungen, der ungeachtet eines dahin ausgesprochenen Wunsches der deutschen Friedensdelegation offiziell ihr nicht zugänglich gemacht, aber anderweitig zur Kenntnis gekommen ist, ist datiert vom 29. März, betitelt: „Bericht der Kommission für die Feststellung der Verantwortlichkeiten der Urheber des Krieges und die aufzuerlegenden Strafen." An seiner Feststellung haben mitgewirkt im wesentlichen von seiten Englands der Rechtsgelehrte Sir Ernest Pollock, für Frankreich der Senator Andrée Tardieu, für Italien Scialoja und für Belgien Herr Rolin-Jacquemyns; in der Kommission waren ferner vertreten: Japan, Griechenland, Rumänien, Polen und Serbien. Beteiligt waren auch die Vereinigten Staaten von Amerika in der Person des auswärtigen Ministers Robert Lansing. Die Vereinigten Staaten sind aber den Schlußfolgerungen der anderen Mächte nicht vollständig beigetreten, sondern haben unter dem 4. April 1919 noch besondere Vorbehalte formuliert. Der Bericht nebst den amerikanischen Vorbehalten hat zweifellos den Beratungen über die Formulierung der Schuld Deutschlandsim Artikel 231 zugrunde gelegen. In ihm werden im wesentlichen die folgenden Vorwürfe erhoben: (Ich lasse hier alles dasjenige aus, was Deutschland nach Eröffnung der Feindseligkeiten begangen haben soll.)

Kapitel 1, überschrieben: „Verantwortlichkeiten der Urheber des Krieges." Hier hat die Kommission festgestellt, daß die Verantwortung in vollem Umfang den Mächten zukommt, die ihn erklärt haben, „um einer Angriffspolitik zu dienen, deren Verheimlichung dem Ursprung dieses Krieges den Charakter einer Geheimverschwörung gegen den europäischen Frieden verleiht." Diese Verant wortlichkeit lastet erstens auf Deutschland und Oesterreich, zweitens auf der Türkei und Bulgarien. Sie verschärft sich durch die Verlegung der Neutralität Luxemburgs und Belgiens und durch die den feindlichen Kriegserklärungen vorangegangenen Grenzverlegungen. Hinsichtlich der vorgefaßten Absicht, Krieg führen zu wollen, wird dem deutschen Kaiser vorgeworfen, daß er schon viele Monate vor der Juli-Krisis aufgehört habe, als Schutzherr des Friedens aufzutreten. Voll Vertrauen auf das erdrückende Uebergewicht seiner Armee habe er seiner feindseligen Gesinnung gegen Frankreich freien Lauf gelassen. Es wird dann eine Aussprache des Generals Moltke mit dem König der Belgier in bezug genommen, worin der General gesagt haben solle,,,es müsse jezt Schluß gemacht werden." Dann kommt ein Absatz über den Mord in Serajewo und die unmittelbare Haltung des Kaisers Franz Joseph und der Serben nach der Katastrophe. Darin steht der erstaunliche Sat: Ein von einem österreichischen Staatsangehörigen auf dem Gebiet der

Die Anklage des Kommiffionsberichtes

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Doppelmonarchie verübtes Verbrechen kann Serbien in nichts kompromittieren." Es wird demnächst unter Bezugnahme auf das französische Gelbbuch von einer in Potsdam am 5. Juli 1914 stattgefundenen entscheidenden Beratung gesprochen und der Bericht des Gesandten von Lerchenfeld an seine Münchener Regierung vom 18. Juli analysiert. Es ist dies jener Bericht, der tatsächlich von Legationsrat von Schoen verfaßt und Gegenstand des Prozesses Fechenbach gewesen ist, in dem die von Kurt Eisner in ihm vorgenommenen Fälschungen auf Grund von Gutachten von Sachverständigen (einschließlich eines Franzosen) festgestellt worden sind. Dieser Bericht ist das Paradestück der ganzen Anklage. Die Berliner Regierung habe den Krieg für notwendig erachtet, dem Grafen Berchtold uneingeschränkte Vollmacht erteilt und den Ballplag beauftragt, schon am 18. Juni mit Bulgarien zu unterhandeln, um es in ein Bündnis und in den Krieg hineinzuziehen. Um dieses Einverständnis zu verbergen, habe man abgemacht, daß der Kaiser eine Fahrt auf der Nordsee unternehmen und der Kriegsminister in Urlaub gehen würde. So sei die kaiserliche Regierung in der Lage gewesen, zu behaupten, daß sie von den Ereignissen vollkommen überrascht worden sei. Nun habe Desterreich unversehens an Serbien ein Ultimatum gerichtet, das absichtlich unannehmbar gestellt worden wäre. Die Denkschrift des Fürsten Lichnowsky wird zitiert, der darin aussprach: „die ganze Welt begriff, daß dieses Ultimatum den Krieg bedeute", gemäß dem Ausspruch Safonows, Desterreich-Ungarn wolle Serbien verschlingen. Während Serbien eine Verlängerung der kurzen Frist von 48 Stunden umsonst verlangt habe, hätten England und Frankreich am 24. und 25. Juli ihre Bemühungen verdoppelt, um Serbien zu veranlassen, den österreich-ungarischen Forderungen Genüge zu leisten. Dem habe sich Rußland angeschlossen. Entgegen den Voraussetzungen Desterreichs und Deutschlands habe Serbien nachgegeben und nur einen einzigen Vorbehalt gemacht. Diese seine Antwort sei am 25. um 5.45 Uhr dem österreichischen Gesandten durch Herrn Pachitch, dem Minister der auswärtigen Angelegenheiten in Serbien überreicht worden, doch habe er bei seiner Rückkehr ins Ministerium bereits einen Brief des österreichischen Gesandten vorgefunden, worin dieser ihm mitgeteilt habe, daß er nicht zufriedengestellt sei. Um 27 habe der österreichische Gesandte Belgrad verlassen. Am nächsten Morgen habe diese Macht 33 Mobilisierungserlasse veröffentlicht, am 28. Juli der Krieg erklärt, am 29. die Beschießung Belgrads begonnen. Der Bericht beschäftigt sich dann mit den wiederholten Vermitt lungsvorschlägen der Entente, die in Berlin nach ausweichenden Antworten nur Versprechungen ausgelöst hätte, sich bei der Wiener Regierung ins Mittel legen zu wollen, ohne aber tatsächlich einzuschreiten. Am 24. Juli verlangen Rußland und England eine angemessene Frist, um sich gemeinsam um die Aufrechterhaltung des Friedens zu bemühen. Deutschland schließt sich diesen Versuchen nicht an. Am nächsten Tag schlägt Sir Edward Grey die Vermittlung zu vieren vor, was Deutschland ablehnt unter dem Vorgeben, daß es sich nicht um eine Vermittlung, sondern um einen Schiedsspruch handeln würde. Nun sei aber die Konferenz zu vieren nur befugt gewesen, Vorschläge

zu machen, nicht zu entscheiden. Ein am 26. Juli ergangenes Anerbieten Rußlands, direkt mit Desterreich zu verhandeln, habe dieses abgelehnt. Ebenso am 27. Deutschland einen Vorschlag Englands einer europäischen Konferenz. Am 29. habe Sir Edward Grey die Wilhelmstraße gebeten, irgendein Mittel vorzuschlagen, das den vier Mächten gestatte, ihren Einfluß zu vereinigen, um den Krieg zwischen Oesterreich und Rußland zu verhindern. Deutschlands Antwort sei ausweichend gewesen. Am 29. habe der Zar noch den telegraphischen Vorschlag gemacht, die österreich-serbische Frage dem Haager Schiedsgerichtshof zu unterbreiten. Der Vorschlag sei unbeantwortet geblieben, auch im deutschen Weißbuch unterschlagen. Die deutsche Mobilisierung habe am 21. Juli begonnen durch die Einberufung einer Reihe von Reservejahrgängen, der deutschen Offiziere in der Schweiz und am 25. der Garnison Mez, am 26. sei die Flotte aus Rorwegen zurückberufen. Nichtsdestoweniger habe die Entente ihre vermittelnden Bemühungen fortgesezt, die deutsche Regierung aber systematisch alle Versuche zunichte gemacht. Als am 31. Juli Desterreich zum ersten Mal mit Rußland in direkte Verhandlung treten wollte, habe Deutschland durch das Ultimatum jede Verhandlung unmöglich gemacht. Man beruft sich auf Lichnowsky, wonach Deutschland zum Kriege gedrängt habe. Noch bis zum Schluß sei die Entente versöhnlich gestimmt gewesen, aber am 3. August habe Herr von Schoen in Paris den Krieg erklärt und zwar wegen angeb licher Bombenwürfe durch französische Flugzeuge in verschiedenen Gegenden Deutschlands. Die Herausforderung sei so offensichtlich gewesen, daß Italien, Mitglied des Dreibunds, nicht gezögert habe, zu erklären, daß infolge aggressiven Charakters des Krieges der casus foederis nicht vorliege. Der Bericht beschäftigt sich dann mit der Türkei und Bulgarien. Auch hier wird versucht, Deutschland zu belasten. Einige Monate vor dem Kriege hätte die Türkei ihre Militär- und Marinestreitkräfte dem deutschen General Liman von Sanders und dem Admiral Souchong überlassen. Der erstere habe im August 1914 auf Befehl des Generalstabes in Berlin die türkische Armee mobilisieren lassen. Dieser Absak schließt, gestüßt auf ein Buch von einem gewissen Basri-Ben, daß, unterstüzt von deutschen Agenten, Enver Pascha und Talaat Pascha im Frühjahr 1914 von dem österreich-ungarischen Plan unterrichtet wurden: Attentat Desterreichs auf Serbien, Einschreiten Deutschlands gegen Frankreich, Durchzug durch Belgien und Einnahme von Paris innerhalb 14 Tagen, Schließung der Meerenge durch die Türkei, Vorbereitung Bulgariens durch den Krieg. Und der Bericht kommt 3 и folgender Schlußfolgerung: „Der Krieg ist von den Zentralmächten ebenso wie von ihren Verbündeten, der Türkei und Bulgarien, mit Vorbedacht geplant worden, und er ist das Ergebnis von Handlungen, die vorsätzlich und in der Absicht begangen wurden, ihn unabwendbar zu machen. In Uebereinstimmung mit Oesterreich-Ungarn hat Deutschland vorsätzlich daran gearbeitet, die zahlreichen vermittelnden vermittelnden Vorschläge der Ententemächte auf die Seite zu schieben und ihre wiederholten Bemühungen,

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